Vom Detektorempfänger zum Internetstream – brauchen wir den klassischen Rundfunk noch?
Mehr als 100 Jahre Rundfunktechnik, das Ende des Kurzwellensenders Moosbrunn und die Frage, wie krisenfest unsere moderne Informationsversorgung wirklich ist.
Kaum eine technische Entwicklung hat unsere Gesellschaft im vergangenen Jahrhundert so stark geprägt wie der Rundfunk. Was mit knisternden Signalen, Detektorempfängern und Kopfhörern begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum wichtigsten elektronischen Massenmedium der Welt.
Heute sieht die Situation völlig anders aus. Nachrichten hören wir über das Smartphone, Musik kommt über Spotify oder Internetradio, Fernsehinhalte über Streamingdienste und selbst klassische Radioprogramme werden zunehmend über das Internet konsumiert. Satelliten und Mobilfunknetze erreichen nahezu jeden Winkel Europas.
Brauchen wir da überhaupt noch klassische Rundfunksender?
Diese Frage erscheint zunächst durchaus berechtigt. Doch spätestens wenn wir über größere Stromausfälle, Naturkatastrophen, kriegerische Konflikte, Cyberangriffe oder staatliche Internetzensur nachdenken, bekommt sie eine völlig andere Dimension.
Vielleicht sollten wir daher nicht nur fragen, ob eine alte Technik im täglichen Betrieb noch wirtschaftlich ist. Wir sollten auch fragen, welchen Wert eine Kommunikationsinfrastruktur besitzt, die weitgehend unabhängig von Internet, Mobilfunk und kommerziellen Netzen funktioniert.
Vom Funkexperiment zum Rundfunk
Die Geschichte des Rundfunks beginnt nicht mit Musik und Nachrichten, sondern mit der drahtlosen Telegraphie.
Pioniere wie Guglielmo Marconi beschäftigten sich Ende des 19. Jahrhunderts damit, Morsezeichen ohne Draht über größere Entfernungen zu übertragen. Funk war zunächst vor allem ein Kommunikationsmittel zwischen zwei Stationen – beispielsweise zwischen Schiffen und Küstenfunkstellen.
Der entscheidende Schritt zum Rundfunk bestand darin, nicht mehr nur einzelne Zeichen, sondern Sprache und Musik zu übertragen und diese Sendungen gleichzeitig für viele Empfänger zugänglich zu machen.
Einer der bedeutendsten Pioniere auf diesem Gebiet war der kanadische Ingenieur Reginald Aubrey Fessenden. Am Weihnachtsabend des Jahres 1906 führte er von Brant Rock im US-Bundesstaat Massachusetts eine viel zitierte frühe Rundfunksendung mit Sprache und Musik durch. Funker auf Schiffen konnten plötzlich nicht nur Morsezeichen hören, sondern menschliche Sprache und Musik.
Damit war eine völlig neue Idee geboren:
Ein Sender – viele Empfänger.
Genau dieses Prinzip bezeichnet der englische Begriff Broadcasting bis heute.
1920: Rundfunk wird zum regelmäßigen Medium
Einzelne Funkexperimente sind allerdings noch kein Rundfunkdienst.
Als wichtiger Meilenstein gilt deshalb der 2. November 1920. An diesem Tag übertrug die Station KDKA in Pittsburgh die Ergebnisse der amerikanischen Präsidentschaftswahl. Die US-amerikanische FCC bezeichnet KDKA als erste kommerzielle Rundfunkstation beziehungsweise deren Übertragung als Beginn des regulären kommerziellen Rundfunks in den USA.
Nun begann eine Entwicklung, die kaum noch aufzuhalten war.
Überall entstanden Rundfunkstationen. Gleichzeitig wurden Radioempfänger einfacher und erschwinglicher. Anfangs hörte man mit Detektorempfängern und Kopfhörern, bald darauf ermöglichten Elektronenröhren wesentlich empfindlichere Empfänger und schließlich auch Lautsprecherbetrieb.
Das Radio wurde vom Experimentiergerät zum Massenmedium.
1924: „Hallo, hallo! Hier Radio Wien“
In Österreich gilt der 1. Oktober 1924 als Geburtsstunde des regulären Rundfunks.
An diesem Tag nahm die Radio-Verkehrs-AG, kurz RAVAG, ihren offiziellen Sendebetrieb auf. Gesendet wurde aus dem obersten Stockwerk des ehemaligen Kriegsministeriums am Wiener Stubenring.
Die ersten Worte lauteten:
„Hallo, hallo! Hier Radio Wien auf Welle 530.“
Der Erfolg war enorm. Bereits wenige Monate später waren mehr als 100.000 Rundfunkteilnehmer registriert. Radio wurde innerhalb kürzester Zeit Teil des gesellschaftlichen Lebens.
1924 konnte vermutlich kaum jemand ahnen, welche Bedeutung dieses Medium noch bekommen sollte.
Mittelwelle bringt Radio in jedes Wohnzimmer
Die ersten großen Rundfunknetze arbeiteten vor allem auf Lang- und Mittelwelle.
Technisch war die Sache vergleichsweise einfach: Das niederfrequente Tonsignal wurde einer hochfrequenten Trägerwelle aufgeprägt. Verwendet wurde die Amplitudenmodulation – AM.
Die Tonqualität war aus heutiger Sicht bescheiden. Statische Entladungen, Gewitter und elektrische Geräte konnten deutlich hörbare Störungen verursachen.
Dafür hatte Mittelwelle einen entscheidenden Vorteil: große Reichweiten.
Insbesondere nachts können Mittelwellensignale über die Ionosphäre weit über das eigentliche Versorgungsgebiet hinaus gelangen.
Mit dem Großsender Bisamberg, der 1933 mit 100 kW in Betrieb ging, begann auch in Österreich das Zeitalter leistungsfähiger Großsender.
Das Radio wurde endgültig zum Massenmedium.
Die Kurzwelle macht Rundfunk weltweit
Noch faszinierender wurde die Entwicklung auf Kurzwelle.
Kurzwellen im Frequenzbereich von ungefähr 3 bis 30 MHz besitzen eine bemerkenswerte Eigenschaft: Unter geeigneten Bedingungen können sie von Schichten der Ionosphäre wieder zur Erde zurückgeführt werden.
Dadurch sind mit relativ wenigen Sendestandorten Reichweiten von vielen tausend Kilometern möglich.
Ein Sender in Europa kann unter geeigneten Ausbreitungsbedingungen in Afrika, Asien oder Amerika empfangen werden.
Für den internationalen Rundfunk war das revolutionär.
BBC World Service, Voice of America, Radio Moskau, Deutsche Welle, Radio Österreich International und viele andere Programme sendeten über Jahrzehnte hinweg auf Kurzwelle in die ganze Welt.
Millionen Menschen drehten an den Abstimmknöpfen ihrer Empfänger und hörten Stimmen aus Ländern, die tausende Kilometer entfernt waren.
Radio wurde auch politisch
Dabei zeigte sich allerdings schnell eine zweite Eigenschaft des Rundfunks: Radio überwindet nicht nur große Entfernungen – Funkwellen halten sich auch nicht an Staatsgrenzen.
Während des Zweiten Weltkriegs und später während des Kalten Krieges wurde Rundfunk deshalb zu einem wichtigen politischen Medium.
Regierungen versuchten, ihre eigene Bevölkerung zu informieren oder zu beeinflussen. Gleichzeitig sendeten ausländische Stationen Nachrichten über Grenzen hinweg.
Genau hier zeigt sich ein fundamentaler Unterschied zwischen Rundfunk und vielen heutigen Kommunikationsformen.
Für den Empfang eines Kurzwellensenders benötigt der Zuhörer im einfachsten Fall nur:
Antenne – Empfänger – Stromversorgung.
Ein batteriebetriebenes Radio genügt.
Es ist kein Internetprovider erforderlich, kein Benutzerkonto, kein Mobilfunkvertrag, kein DNS-Server und kein funktionierendes Glasfasernetz.
Natürlich kann auch Rundfunk gestört werden. Gerade im Kalten Krieg betrieben verschiedene Staaten erheblichen technischen Aufwand, um unerwünschte Kurzwellensendungen durch sogenannte Jamming-Sender zu überlagern.
Doch Funkwellen vollständig an einer Staatsgrenze aufzuhalten, ist technisch schwierig.
Und genau darin liegt bis heute eine besondere Eigenschaft der Kurzwelle.
UKW bringt bessere Tonqualität
Für den lokalen und nationalen Rundfunk setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend ein anderer Frequenzbereich durch: UKW.
Anstelle der Amplitudenmodulation kam Frequenzmodulation – FM – zum Einsatz.
UKW bot deutlich bessere Tonqualität, weniger atmosphärische Störungen und später auch Stereowiedergabe.
Allerdings breiten sich UKW-Signale im Wesentlichen quasioptisch aus. Berge und Täler können die Versorgung erheblich erschweren.
Für ein Gebirgsland wie Österreich bedeutete das: Ein flächendeckendes UKW-Netz benötigt zahlreiche Hauptsender, Umsetzer und kleine Füllsender.
Über Jahrzehnte entstand so ein beeindruckend dichtes Sendernetz.
Viele dieser Anlagen stehen an Orten, die technisch schwierig erreichbar sind – auf Bergen, in Tälern oder abgelegenen Regionen.
Vom Transistorradio zum Smartphone
In den 1950er- und 1960er-Jahren brachte der Transistor den nächsten großen Umbruch.
Das Radio wurde klein, leicht und batteriebetrieben.
Plötzlich konnte man Nachrichten und Musik praktisch überall hören: im Garten, im Auto, auf der Baustelle oder beim Wandern.
Später folgten Autoradio, Hi-Fi-Stereo, Satellitenempfang, digitales Fernsehen und schließlich das Internet.
Heute trägt beinahe jeder von uns ein Gerät in der Tasche, das technisch weit mehr kann als sich die Rundfunkpioniere von 1924 jemals hätten vorstellen können.
Über ein Smartphone können wir innerhalb von Sekunden Radiosender aus Australien, Amerika oder Japan hören.
Warum also noch einen 100 oder gar 500 Kilowatt starken Kurzwellensender betreiben?
Moosbrunn – ein Stück österreichische Funkgeschichte verschwindet
Diese Entwicklung lässt sich kaum eindrucksvoller zeigen als am Beispiel des österreichischen Kurzwellensendezentrums Moosbrunn in Niederösterreich.
Seit Ende der 1950er-Jahre wurden von dort Rundfunkprogramme über Kurzwelle in die Welt ausgestrahlt.
Die Anlage diente unter anderem der internationalen Verbreitung österreichischer Programme. Später konnten auch andere Rundfunkanbieter Sendezeit buchen und Programme über Moosbrunn in weit entfernte Zielgebiete übertragen.
Doch die Nutzung ging zurück.
Internet und Satellitenübertragung übernahmen immer mehr Aufgaben des klassischen Auslandsrundfunks.
Am 31. Dezember 2024 wurde der Sendebetrieb in Moosbrunn endgültig eingestellt.
Ende Jänner 2025 wurden die beiden markanten Drehstandantennen gesprengt und der Rückbau des Sendestandorts abgeschlossen.
Damit verschwand der letzte österreichische Kurzwellensender dieser Größenordnung.
Technisch und wirtschaftlich kann man diese Entscheidung nachvollziehen.
Die entscheidende Frage lautet jedoch:
War es auch aus strategischer Sicht sinnvoll, eine solche Infrastruktur endgültig abzubauen?
Wenn Effizienz zum einzigen Maßstab wird
Großsender sind teuer.
Sie benötigen elektrische Energie, Wartung, Grundstücke, Antennenanlagen und speziell ausgebildetes technisches Personal.
Wenn nur noch vergleichsweise wenige Menschen regelmäßig auf Kurzwelle hören, erscheint es aus kaufmännischer Sicht logisch, die Anlage stillzulegen.
Ähnliche Überlegungen gibt es inzwischen auch bei kleineren terrestrischen Sendeanlagen.
Im August 2026 entstand in Österreich eine öffentliche Diskussion über die geplante Außerbetriebnahme von Kleinstsendeanlagen in Randlagen.
Dabei sollte allerdings nicht übertrieben werden: Der ORF widersprach Berichten, wonach dadurch 64.000 Menschen einfach vom terrestrischen Radio- und Fernsehempfang abgeschnitten würden. Nach Angaben des ORF bleiben 99 Prozent des österreichischen Bundesgebietes durch das Sendernetz abgedeckt; unmittelbar betroffen seien lediglich wenige hundert Haushalte. Durch die Optimierung sollen jährlich rund 1,5 Millionen Euro eingespart werden.
Wirtschaftlich kann auch dieses Argument plausibel sein.
Trotzdem lohnt es sich, über eine grundsätzliche Frage nachzudenken.
Effizienz ist nicht dasselbe wie Resilienz
Unsere moderne Kommunikation funktioniert beeindruckend gut.
Glasfasernetze transportieren enorme Datenmengen. Mobilfunk ermöglicht Internetzugang fast überall. Satelliten erreichen auch abgelegene Gebiete.
Im Normalbetrieb sind diese Systeme dem klassischen Rundfunk in vielen Bereichen weit überlegen.
Doch moderne Kommunikationsnetze bestehen aus langen technischen Abhängigkeiten.
Bei einem Internetradio kann die Kette beispielsweise so aussehen:
Empfänger → WLAN → Router → Internetprovider → Backbone → DNS → Rechenzentrum → Streamingserver
Fällt eine entscheidende Komponente aus, verstummt der Stream.
Sender → Funkwelle → Empfänger
Beim terrestrischen Radio ist die Kette wesentlich kürzer:
Das bedeutet nicht, dass Rundfunk unverwundbar wäre.
Auch ein Sender benötigt Strom, Zuführungsleitungen und Wartung.
Aber die Infrastruktur unterscheidet sich grundlegend von einem IP-basierten Kommunikationsnetz.
Und genau diese technische Verschiedenheit schafft etwas, das in Sicherheitssystemen besonders wertvoll ist:
Redundanz
Diese Einfachheit ist im Krisenfall entscheidend.
Ein Warnsystem braucht mehrere Wege
Österreich verfügt heute mit AT-Alert über ein modernes Bevölkerungswarnsystem auf Basis von Cell Broadcast.
Das ist zweifellos eine sinnvolle technische Ergänzung.
Doch selbst das Bundesministerium für Inneres weist darauf hin, dass AT-Alert das österreichische Sirenensystem mit rund 8.300 Zivilschutzsirenen nicht ersetzt, sondern ergänzt. Außerdem ist AT-Alert von einer funktionierenden Mobilfunkversorgung abhängig.
Besonders interessant ist eine weitere Empfehlung des Innenministeriums: Nach einer Zivilschutzwarnung oder einem AT-Alert soll die Bevölkerung das Radio einschalten, weil darüber weitere Informationen, Verhaltensempfehlungen und behördliche Anordnungen verbreitet werden können.
Das zeigt sehr schön die unterschiedlichen Aufgaben:
Die Sirene alarmiert.
AT-Alert warnt und liefert erste Informationen.
Der Rundfunk kann anschließend kontinuierlich informieren.
Gerade in einer länger andauernden Krisensituation ist das ein wichtiger Unterschied.
Was passiert bei einem großflächigen Stromausfall?
Ein Blackout ist ein gutes Gedankenexperiment.
Solange Akkus funktionieren, stehen Smartphones zunächst weiterhin zur Verfügung.
Doch Mobilfunkbasisstationen benötigen Energie. Netzkomponenten benötigen Energie. Rechenzentren und Vermittlungssysteme benötigen Energie.
Viele Einrichtungen verfügen zwar über Batterien und Notstromaggregate – aber nicht unbegrenzt.
Auch der private Internetanschluss hilft wenig, wenn zu Hause Router, Glasfasermodem oder Kabelverstärker ohne Strom sind.
Ein kleines batteriebetriebenes Radio dagegen kann tagelang funktionieren.
Genau deshalb findet sich ein Radio bis heute in praktisch jeder seriösen Empfehlung zur persönlichen Krisenvorsorge.
Und was ist mit Satelliten?
Satellitenkommunikation ist ein wichtiger zusätzlicher Weg und kann äußerst robust sein.
Doch auch hier benötigt der Anwender passende Empfangstechnik.
Satelliteninternet braucht ein entsprechendes Terminal, elektrische Energie und ein funktionierendes System aus Satellit, Bodenstationen, Netzwerken und Authentifizierung.
Klassischer Rundfunk besitzt dagegen eine fast unschlagbare Eigenschaft:
Der Empfänger muss sich beim Sender nicht anmelden.
Der Sender weiß nicht, wer zuhört.
Millionen Empfänger können dasselbe Signal gleichzeitig hören, ohne dass dadurch die Belastung des Senders steigt.
Broadcasting skaliert auf eine Weise, die faszinierend einfach ist.
Ob zehn Menschen zuhören oder zehn Millionen – der Sender strahlt dasselbe Signal aus.
Kurzwelle und Informationsfreiheit
Noch deutlicher wird der Unterschied in politischen Krisen.
Internetverbindungen können kontrolliert werden. Webseiten können gesperrt, DNS-Anfragen manipuliert, IP-Netze blockiert oder internationale Verbindungen eingeschränkt werden.
Auch soziale Netzwerke und Streamingplattformen sind zentral betriebene Systeme.
Kurzwellenempfang funktioniert anders.
Ein Empfänger benötigt keine Identifikation und keine Rückverbindung zum Sender. Wer eine Nachricht auf Kurzwelle empfängt, hinterlässt beim Sender keine IP-Adresse und keinen Account.
Das macht Kurzwelle nicht automatisch zu einem objektiven oder glaubwürdigen Medium – selbstverständlich kann auch Rundfunk Propaganda verbreiten. Aber sie stellt einen zusätzlichen und technisch unabhängigen Informationsweg dar. Gerade dieser Unterschied kann in autoritär regierten Staaten oder Krisengebieten von Bedeutung sein.
Ist Kurzwelle deshalb die bessere Technik?
Nein. Das wäre die falsche Schlussfolgerung.
Für den täglichen Medienkonsum sind Internet, Mobilfunk und moderne digitale Rundfunksysteme in vielen Bereichen komfortabler und effizienter. Ein Kurzwellensignal bietet keine Hi-Fi-Qualität. Die Ausbreitungsbedingungen ändern sich mit Tageszeit, Frequenz, Jahreszeit und Sonnenaktivität. Störungen und Fading gehören dazu.
Auch große Sender verursachen erhebliche Betriebskosten. Es wäre deshalb wenig sinnvoll, aus Nostalgie jede historische Sendeanlage dauerhaft weiter zu betreiben.
Doch daraus folgt nicht automatisch, dass jede ältere Übertragungstechnik wertlos geworden ist.
Vielleicht stellen wir die falsche Frage
Die Frage sollte daher nicht lauten:
„Ist Kurzwelle besser als Internet?“
Natürlich nicht.
Ebenso wenig sollte die Frage lauten:
„Braucht heute noch jemand UKW, wenn es Streaming gibt?“
Die interessantere Frage lautet:
Wie viele voneinander unabhängige Kommunikationswege wollen wir uns als Gesellschaft erhalten?
In der Technik würden wir ein sicherheitskritisches System schließlich kaum so konstruieren, dass sämtliche Redundanzen von derselben Infrastruktur abhängig sind.
Zwei Server am selben Stromkreis sind noch keine echte Redundanz. Zwei Internetdienste, die über dieselbe Glasfaserleitung laufen, ebenfalls nicht. Und auch zehn Smartphone-Apps helfen wenig, wenn das Mobilfunknetz ausgefallen ist.
Fortschritt bedeutet nicht zwangsläufig Abschalten
Fortschritt bestand historisch selten darin, dass eine neue Technologie sofort alle älteren Systeme ersetzte.
Viel häufiger ergänzten sich verschiedene Technologien. UKW ersetzte die Mittelwelle nicht über Nacht. Satellitenfunk machte terrestrische Sender nicht überflüssig. Mobilfunk ersetzte das Festnetz nicht vollständig. Und auch das Internet muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass jeder andere Informationsweg verschwinden sollte.
Gerade bei kritischer Infrastruktur könnte es sinnvoll sein, gewisse Systeme nicht ausschließlich nach ihrer täglichen Auslastung zu beurteilen.
Eine Feuerwehr wird schließlich auch nicht deshalb abgeschafft, weil es im vergangenen Jahr kaum gebrannt hat.
Moosbrunn als Symbol
Vielleicht macht gerade deshalb das Ende von Moosbrunn nachdenklich.
Nicht weil Österreich heute täglich einen leistungsstarken Kurzwellensender benötigen würde. Sondern weil mit seinem Abbau eine technische Möglichkeit verschwunden ist, die sich im Bedarfsfall nicht innerhalb weniger Tage wieder herstellen lässt.
Antennenfelder, Hochleistungssender, Energieversorgung, Frequenzplanung und erfahrenes Personal entstehen nicht auf Knopfdruck.
Wenn eine solche Infrastruktur einmal vollständig entfernt wurde, ist die Entscheidung weitgehend endgültig.
Das muss nicht automatisch bedeuten, dass der Rückbau falsch war. Aber es sollte zumindest Anlass sein, über den strategischen Wert solcher Einrichtungen nachzudenken.
Mehr als 100 Jahre später ist die Grundidee noch dieselbe
Seit Fessendens Experimenten von 1906 und dem österreichischen Rundfunkstart im Jahr 1924 hat sich die Technik dramatisch verändert.
Aus dem Detektorempfänger wurde das Röhrenradio. Aus dem Röhrenradio wurde das Transistorradio. Aus Mittelwelle wurde UKW. Später kamen Satellit, Digitalradio, Internetstream und Smartphone.
Doch ein Grundprinzip des klassischen Rundfunks ist seit mehr als einem Jahrhundert unverändert:
Ein Sender verbreitet Informationen gleichzeitig an beliebig viele Menschen – ohne dass diese sich anmelden oder eine Verbindung zum Sender aufbauen müssen.
Gerade in unserer vollständig vernetzten Welt wirkt dieses Prinzip beinahe antiquiert. Vielleicht liegt aber genau darin seine Stärke.
Was meinst Du?
Sollten wir klassische terrestrische Rundfunknetze ausschließlich danach beurteilen, wie viele Menschen sie heute täglich benutzen und wie wirtschaftlich ihr Betrieb ist?
Oder besitzt eine unabhängige Rundfunk-Infrastruktur einen strategischen Wert, der über Einschaltquoten und Betriebskosten hinausgeht?
War der vollständige Rückbau des Kurzwellensenders Moosbrunn eine logische Konsequenz des technischen Fortschritts?
Oder wäre es sinnvoll gewesen, zumindest einen leistungsfähigen österreichischen Kurzwellensender als strategische Reserve für Krisen- und Katastrophenfälle zu erhalten?
Und wie weit sollte der Rückbau kleiner UKW-Sender gehen, wenn Internet, Mobilfunk oder Satellit als Ersatzversorgung zur Verfügung stehen?
Effizienz ist wichtig. Aber ist maximale Effizienz auch maximale Sicherheit?
Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.
Vielleicht werden wir die Antwort erst dann wirklich kennen, wenn eines Tages genau jene modernen Kommunikationswege ausfallen, auf die wir uns inzwischen so selbstverständlich verlassen.
Anmerkung: Nicht Jeder oder Jede hat ein kurzwellentauglichen Radioempfänger bei der Hand. Wer sich trotzdem einmal mit einem "Kurzwellenempfänger spielen möchte, kann mit dem Link auf den SDR Empfänger der OE9NGH Funkstation zugreifen. Neben den Rundfunk Bändern, kann auch in die Amateurfunkfrequenzen hineingehört werden. Ist nur Rauschen zu hören, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die Antenne für den Funkbetrieb verwendet. Da weltweit unzählig viele öffentlich zugängliche SDR Empfänger online sind, sollte es dann auch kein Problem sein, auf einen anderen SDR auszuweichen.
GNU
